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Dienstag, 17. Oktober 2017

"Ich werde die Bibel nie auslesen"

Über mein Leben mit der Bibel - auf dem Hintergrund meiner Arbeit als Bibelmagazin-Redakteur und Verlags-Bibel-Programmleiter - hat mir mein Kollege Jörg Podworny ein paar Fragen gestellt. Das Interview (vollständig, nicht nur eine verknappte Zusammenfassung) ist auf jesus. de zu lesen - hier.

Freitag, 13. Oktober 2017

Wie man ein Alltagsbeter wird



Zu meinem neuen Buch „Alltagsbeter.Beten – auch wenn das Leben laut ist“ hat mich meine Kollegin Hella Thorn neulich für das Magazin TEENSMAG interviewt. Danke für die Gelegenheit, etwas darüber zu sagen, was mir für das Beten wichtig ist.

TEENSMAG: Uli, du hast ein Buch über das Beten geschrieben. Wie oft hast du beim Schreiben tatsächlich auch gebetet?
Dr. Ulrich Wendel: (lacht) Nicht seltener und nicht öfter als sonst auch.

Ist Gebet etwas, das man trainieren sollte, damit man am Ende irgendwann mal ein guter Beter ist?
Das kommt darauf an, was für Maßstäbe man hat, ob ich selber mit meinem Beten zufrieden bin oder ob ich mir mehr wünsche. Wenn ich die Sehnsucht nach mehr habe, glaube ich schon, dass es wichtig ist, das auch zu trainieren oder zumindest mich auf die Suche zu machen: Gibt’s andere Arten, andere Formen oder  eine andere innere Haltung, mit der ich beten kann? Das kommt nicht von alleine; das muss man schon trainieren.

Du sagst von dir selbst, dass du kein guter Alltagsbeter warst. Woran machte sich das fest?
Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, weil es so viele Anliegen oder Leute gibt, für die man beten müsste oder denen ich es sogar versprochen habe. Wobei: Ich hatte mir vor einigen Jahren schon angewöhnt, gar nicht mehr so viel zu versprechen, ich hab immer gesagt: »Ja, ich bete für dich, ich bin aber gar nicht so ein großer Beter und ich bete also nur so ein bisschen« – so sinngemäß (schmunzelt). Und das hat sich wirklich verändert.

Du gibst zahlreiche Beispiele, wie man das Beten gut in den Alltag integrieren kann. Manche funktionieren quasi nebenbei auf dem Fahrrad oder im Bus, andere bedeuten eine bewusste Auszeit. Welche Methode funktioniert für dich am besten und warum?
Am Effektivsten war, mir auf meinem Weg mit dem Rad zur Arbeit verschiedene Stationen einzurichten, wo ich für verschiedene Anliegen bete. Was mir auch immer wieder eine Tiefe gegeben hat, ist das Beten mit der Bibel. Seit einigen Jahren versuche ich, jeden Tag einen Psalm zu beten und das ergibt eine große Regelmäßigkeit für mich und, dass mein Gebet nicht nur mit meinen eigenen Gedanken gefüllt ist, sondern dass von außen, von Gott noch was reinkommt. 

Gebet lebt also von Kontinuität. Was, wenn ich doch mal wieder vergesse zu beten oder wofür ich eigentlich beten wollte?
Auf meinem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad habe ich für mich sehr genau definiert: An dieser Brücke bete ich z.B. für denjenigen, dessen Gebetspate ich bin. Das hab ich auch nie vergessen. Aber es ist mir schon passiert, dass ich so in Gedanken war, dass ich dran vorbeigefahren bin. Aber das ist ja auch nicht schlimm. Entweder bete ich am nächsten Tag dafür oder eben drei Bäume weiter. Die Wiederholung hilft natürlich, sich das einzuprägen. Was ich am Anfang noch öfter vergessen habe, hat sich nach ein paar Wochen dann wirklich eingeprägt.

Meinst du, es ist hilfreich, sich eine Art »Gebetsplan« zu machen, wo man einträgt, für was man wann beten will?
Bei mir persönlich ist es so, dass ich mit Gebetslisten nicht viel anfangen kann. Ich habe auch mal versucht, mit Karteikarten, auf die ich meine Anliegen geschrieben habe, zu beten. Das hat bei mir nicht funktioniert, weil ich gemerkt habe: Das ist zu groß angelegt, das sind zu viele Anliegen. Und es dauert so lange, das alles durchzubeten, die Zeit hab ich jetzt grad nicht – und dann mach ich es erst gar nicht. Da war es für mich hilfreicher, mir kleine überschaubare Projekte vorzunehmen. Auf meinem Gebetsradweg, habe ich fünf Gebetsstationen – mehr nicht.

Du schreibst auch, dass du die Wartezeiten z.B. an der Supermarktkasse oder beim Arzt nun zum Beten nutzt – man könnte aber doch stattdessen auch Vokabeln lernen, einen TEENSMAG-Artikel lesen oder mit der Oma telefonieren.
Man muss ja gar nicht immer beten! Ich bin auch ein großer Freund davon, einfach mal zum Fenster rauszustarren oder meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich habe gemerkt: Ich möchte über den Alltag stärker mit Gott in Kontakt sein. Aufgrund dieser Sehnsucht habe ich überlegt, welche Lücken ich ab und zu mal füllen kann. Wenn es mir im Verlauf einer Woche gelungen ist, drei solche Zeitlücken zu entdecken und die mit Gebet zu füllen, dann war es auf jeden Fall dreimal mehr als ohne. Das ist ja schon ein Schritt nach vorne. Dann hab ich immer noch genug Wartezeiten, wo ich sehr bewusst etwas anderes mache; z.B. auf dem Handy durchgucke, was es für neue Posts gibt.

Kennst du das Gefühl, mal keinen Bock zum Beten zu haben?
Ja. Und dann mach ich es manchmal auch nicht. Oder ich greife zu einer anderen Form, z.B. zu einem festgelegten biblischen Gebet. Manchmal merke ich: Da kommt bei mir nichts ins Schwingen. Oder ich merke: Ich denke über den Bibeltext nach und bete ihn nicht, was in dem Moment nicht Sinn der Sache ist. Wenn das also nicht funktioniert, mache ich mir keinen Stress. Ich sehe das Beten nicht als Muss oder Aufgabe, sondern als Gelegenheit: Probier es mal und wenn es nicht klappt, dann macht das nix und wenn es klappt, ist es schön.

Würdest du sagen, dass die innere Haltung, mit der ich vor Gott komme, ausschlaggebend für ein gutes Gebet ist?
Ja. Es hängt viel davon ab, ob ich mit Freude ins Gebet gehe oder mit dem Bewusstsein: Jetzt muss ich wieder eine Pflicht erfüllen und wenn ich das nicht mache, runzelt Gott die Stirn – das ist ja nicht sehr einladend. Auf der anderen Seite hab ich gemerkt, dass mir äußere Formen auch helfen. Das ergänzt sich. Wenn ich nur auf meine innere Haltung warte, kann ich manchmal lange warten. Andererseits, wenn ich mit der Haltung rangehe: Jetzt ist die Gelegenheit, jetzt musst du die Form erfüllen, ist es schnell nur ein Abarbeiten der Form – das ist auch blöd. Die innere Haltung und die äußere Form ergänzen sich. Ehrlichkeit ist das Entscheidende. Ich glaube, dass Gott sich mehr über ein ehrliches Gebet freut, das kurz ist oder inhaltlich nicht ganz richtig, das aber in dem Moment eben genau das war, was ich Gott sagen möchte, als über ein Gebet, das ich versuche so hinzufrisieren, wie ich glaube, dass das jetzt besonders gut bei Gott ankommen wird.

Was ist, wenn man das Gefühl hat, Gott antwortet nicht?
Dann würde ich versuchen, etwas anderes auszuprobieren, z.B. mit anderen zusammen zu beten. Ich würde aber auch überlegen, ob ich die richtige Erwartung habe. Wie sieht es denn aus, wenn Gott meine Gebete erhört? Es gibt Gebete, die werden zwar erhört, aber ganz anders als ich wollte. Und es gibt Gebete, die werden viel später erhört, vielleicht erst in einer Zeit, wo ich gar nicht mehr dafür bete, weil ich denke, der Fall ist erledigt. Aber Gott hat einen viel längeren Atem. Er bewahrt die Gebete viel länger auf als ich, aber ich muss ihm auch die Freiheit geben, was er damit macht, wann er es macht und wie er es macht.

Hast du in der Zeit der Entstehung des Buches auch irgendwelche tollen Gebetserhörungen erlebt?
Ja. Jemand hatte zum wiederholten Male eine bescheuerte Diagnose bekommen und ich merkte: Das zieht ihn wirklich runter. Da habe ich sehr intensiv für gebetet und irgendwann nachgefragt. Und ja, alles war gut geworden. Es schien, als ob er da einen Haken dran machen konnte. Es hat mich total gefreut zu merken, dass er nicht nur körperlich gesünder ist, sondern auch ermutigt wurde. Das war sehr schön.

Wie kann ich Beten lernen? Wie werde ich ein guter Beter?
Was ist im Tages- oder im Wochenablauf die Zeit, wo es am günstigsten ist, wo ich am ehesten unabgelenkt bin, wo es mich am wenigsten Aufwand kostet? Da würde ich mir eine Zeit einrichten. Dann ist es wichtig, sich ein kleines Projekt vorzunehmen. Und ich würde auch darüber nachdenken: Was ist denn die Art und Weise, wie ich Gott am ehesten erlebe? Bin ich jemand, der in der Aktivität Gotteserfahrungen macht oder im Lobpreis oder in der Stille oder in der Natur oder über der Bibel oder alleine oder in Gemeinschaft – und das, wo ich Gott am stärksten erlebe, damit würde ich anfangen. Das heißt nicht, dass man nicht irgendwann auch mal was Neues entdeckt, aber ich würde bei der größten Stärke anfangen. 

Infos zum Buch hier.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Wer gehört zu den besten Theologen des Neuen Testaments?

Wer gehört zu den besten Theologen des Neuen Testaments?
Paulus? Apollos, der begabte Redner? Der Verfasser des Hebräerbriefs?

Zu den besten Theologen des Neuen Testaments gehören
› die Gäste des Pharisäers Simon,
› Herodes Antipas,
› Zachäus,
› die zwölf Jünger.

Warum? Weil sie die Frage stellen, wer Jesus ist. Eine Frage, die ins Zentrum der besten Theologie führt.
(Lukas 7,49; 8,25; 9,9; 19,3)

Und Paulus gehört dann doch auch in diese Reihe: „‚Wer bist du, Herr?‘, fragte er.“ (Apostelgeschichte 9,5)

Und zu guter Letzt: Jesus forderte seine Jünger auf, genau diese Frage zu stellen: „Für wen haltet ihr mich?“ (Lukas 9,20). Damit ist Jesus also der, der „gute Theologen“ hervorbringt.

 




Freitag, 8. Januar 2016

„Begegnung fürs Leben“ – Was bedeuten die fettgedruckten und eingeklammerten Nummern?


Die „Begegnung fürs Leben“ ist eine Studienbibel mit Kommentaren, die besonders auf die heutige Anwendung der Bibel zielen. Der zugrundeliegende Bibeltext ist der der Neues Leben Bibel. Die „Begegnung fürs Leben“ ist auch in der GLO-Bibelsoftware integriert.

Nutzer diese Studienbibel stolpern oft über fettgedruckte und eingeklammerte Nummern in Überschriften (siehe Bild) und fragen, was diese bedeuten.

















Die fettgedruckten und eingeklammerten Nummern nach den Überschriften finden sich nur in den vier Evangelien. Sie beziehen sich auf die Zusammenschau „250 Ereignisse im Leben von Jesus Christus“. Diese Übersicht steht nach dem Johannesevangelium, ab Seite 1812. Hier ist jedes Ereignis im Leben Jesu mit einer fortlaufenden Nummer versehen, und diese Nummern wurden den Abschnittüberschriften der Evangelien beigefügt. Auf diese Weise kann man das betreffende Ereignis in seiner chronologischen Abfolge einordnen. (Allerdings ist diese Reihenfolge aus dem Vergleich der Evangelien heraus rekonstruiert; an manchen Stellen wären vielleicht auch andere Lösungen denkbar.)

Die kurze Erklärung dazu befindet sich in der Einführung der Studienbibel auf Seite X (römisch 10).

Montag, 16. November 2015

Wie gut muss Kirche sein?

Relevante Gemeinde sein. Unsere Zeitgenossen mit dem Evangelium so erreichen, dass es sie wirklich erreicht. Das ist der Wunsch vieler Gemeinden und ihrer Mitglieder und Leiter. Um dorthin zu kommen, muss man sich schon reinhängen, das ergibt sich nicht nebenbei.

Wie aber sieht dieses „Reinhängen“ aus? Wie viel sollte man dafür geben? Ein Wort, das in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, ist:

Exzellenz.

Mitarbeiter sollen in ihrem Bereich Exzellenz anstreben, um die beste Botschaft der Welt auf bestmögliche Weise zu kommunizieren. Damit ist schon gesagt: Es ist keine Perfektion gemeint. Es gibt keine von außen gesetzte Messlatte. Sondern das Beste, was jeder – individuell – geben kann, soll sie und er auch geben.

Ist Exzellenz ein sinnvolles Ziel? Ist Exzellenz nötig, um relevante Gemeinde zu sein? Kann man sich – und seine Mitarbeiter – auf Exzellenz verpflichten? Könnte man etwa sogar darüber predigen: „Gott will Exzellenz“?

Ich meine, diesem Ziel liegen einige gute Einsichten zugrunde, aber theoretisch enthält es auch eine Gefahr. Die Gefahr, dass man dasselbe Wort für eigene Ziele, Programme, Ambitionen einspannen kann – und seine Leute dann darauf verpflichtet. Gott sei Dank lebe ich in einer Gemeinde, wo ich diese Gefahr konkret nicht sehe. Dennoch macht mich dieser Wert, Exzellenz, nachdenklich.

Wie würde die Bibel das ausdrücken, was wir mit Exzellenz meinen? Gäbe es überhaupt einen entsprechenden Ausdruck? Ich sehe drei Zusammenhänge:

1. Hingabe

Hingabe richtet sich – biblisch recht verstanden – zuerst und zuletzt auf Gott. Er ist es, den wir lieben sollen: von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit all seiner Kraft und mit seinem ganzen Verstand (Lk 10,27). Zu dieser Hingabe gehört außer der Liebe auch die Anbetung. Der Dienst als Lebenshaltung. Treue. Und Leidensbereitschaft.

2. Haushalterschaft

Nachfolger von Jesus sind berufen, Haushalter zu sein und haushälterisch mit ihrem Gaben und Möglichkeiten umzugehen. Dazu gehört eben Verantwortung. Weisheit. Ein Bewusstsein davon, was ich kann und was nicht. Ich setzte Grenzen und halte Grenzen ein. Und fülle den Raum innerhalb der Grenzen aus. Ja und Nein, tun und lassen. Altes und Neues verwalten und einsetzen (Mt 13,52).

3. Berufung

Die Berufung der Jesusleute besteht zunächst darin, mit Gottes Sohn verbunden zu sein, mit unserem Herrn Jesus Christus (1Kor 1,9). Von da aus gibt es individuelle Berufungen. Begabungen. Die Befähigung durch Gottes Geist und den Rückenwind durch ihn. Aus der Berufung ergibt sich Konzentration. Und Glaubensgewissheit.

Diese drei biblischen Zusammenhänge sind grundlegend.

Und Exzellenz?

Exzellenz ist für mich der Schnittpunkt dieser drei biblischen Begriffe. Spielen Hingabe, Haushalterschaft und Berufung zusammen, dann wird man exzellent arbeiten.


In Exzellenz sehe ich nun aber nicht den „Gipfel“, die Krönung dieser drei Begriffe. Sondern eher ein Produkt – eins unter anderen. Es ist ein abgeleiteter Wert, eine Haltung zweiter Ordnung. Exzellenz ist vor Gott nicht gleichwertig mit Hingabe, Haushalterschaft und Berufung. Über die drei letztgenannten Dinge kann man predigen. Über Exzellenz an sich eigentlich nicht. Die Gefahr wäre zu groß, dass ein zweitrangiges Ziel zum Willen Gottes erklärt wird und – ja, dann vielleicht doch – die Verkündigung des Wortes Gottes zu direkt für strategische Etappenziele in der Gemeinde eingespannt wird. Über Exzellenz kann man lehren, Seminare halten, diskutieren. Aber nicht predigen. Exzellenz ist nicht so nah am Herzen Gottes wie Hingabe, Haushalterschaft und Berufung.

Und auch die Barmherzigkeit ist näher am Herzen Gottes als Exzellenz. Es gibt zu denken, dass gerade diese beiden Sätze in der Bibel sachlich parallel stehen: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“„Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!“ (Mt 5,48; Lk 6,36). Wenn Exzellenz, dann keine unbarmherzige!

Und doch: Immer wird es Situationen geben, wo Exzellenz das Gebot der Stunde ist – wenn und weil man als Jesusnachfolger sich an Gott hingibt, haushälterische Verantwortung lebt und sich seiner Berufung bewusst ist. Für eine konkrete Aufgabe gibt man alles. Weniger einzusetzen, halbherzig arbeiten, das wäre dann Untreue. Aus der Liebe zu Gott ergibt sich dann Liebe zur Sache. Aber man wird beides nicht miteinander verwechseln.

Wie gut muss Kirche sein?

So gut es irgend geht, um Gott zu ehren und den Menschen zu dienen. Einer solchen Kirche wird man abspüren, dass es ihr nicht um Leistung geht. Nicht um Perfektion. Und auch nicht darum, dass sie gleichzieht mit den zeitgenössischen Standards, um nicht als Depp dazustehen. (Wenn Hingabe, Haushalterschaft und Berufung zusammenspielen, kann manchmal gerade das Ergebnis sein, dass man bereit ist, für Jesus als Depp dazustehen.) Wenn Kirche richtig gut ist, wird ihre Exzellenz gar nicht besonders auffallen. Weil es das größte Anliegen dieser Exzellenz ist, den Blick auf Christus zu lenken.

Montag, 21. September 2015

Wieso rauchen die Berge?

Rauchende Berge in der Bibel – wie soll man sich das vorstellen? Erwähnt wird dieses Phänomen nicht nur in Zusammenhang mit dem Berg Sinai, als Gott sich offenbarte und dann die Gebote gab (2. Mose 19). Auch in den Psalmen wird zweimal gesagt, dass Gott die Berge anrührt, sodass sie rauchen (Psalm 104,32; 144,5).
Welche Vorstellung steckt dahinter? Gibt es Beobachtungen, anhand derer die Psalmisten ihre Worte gewählt haben können? Ich habe bisher immer an Vulkane gedacht – aber gab es die in der Region Israels? Erdbeben durchaus – längs durch Israel verläuft ein Ausläufer des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Aber Vulkane? In Syrien vielleicht – wobei, wenn ich die Liste in Wikipedia richtig lese, kein Ausbruch in biblischen Zeiten belegt ist (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Vulkanen#Syrien).
Nun habe ich allerdings ein Video vom großen Erbeben in Nepal 2015 gesehen. Von einer Berghöhe hinab wurde in einige Täler gefilmt – und man sieht gewaltige Staubwolken, die offenbar von Schuttlawinen erzeugt wurden. Hier „rauchen“ die Berge wirklich. (http://www.taja-video.com/videos/sindhupalchowk-jalbire-quake-live/

War das die Erfahrung der biblischen Psalmbeter – ein Erdbeben, verbunden mit gewaltigen Staubwolken? Wenn ja, dann könnte eine biblische Redeweise anschaulich werden.

Mittwoch, 9. September 2015

Scheera

Scheera war die Tochter von Ephraim, einem der Stammväter Israels. Eine außergewöhnliche Frau, die ganz anderes tat als das, was man von Frauen erwartete.

Tochter Ephraims – eine Ephraimstochter? Da gab es doch … genau: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Ephraimstochter Langstrumpf. Das Mädchen, das Bärenkräfte hatte und sich nie um das scherte, was sich gehörte. Eine Ephraimstochter – und jetzt auch in der Bibel?

Ephraim hatte zunächst drei Söhne: Schutelach, Eser und Elad. Die waren mutig und unternehmungslustig, aber am Ende hatten sie sich verschätzt: Ihre Gegner waren zu stark für sie.
„Sie wurden getötet, als sie versuchten, Vieh von den ortsansässigen Bauern bei Gat zu stehlen. Ihr Vater Ephraim trauerte lange um sie und seine Verwandten kamen, um ihn zu trösten. Danach schlief Ephraim wieder mit seiner Frau und sie wurde schwanger und bekam einen Sohn. Ephraim nannte ihn Beria, wegen des Unglücks, das über seine Familie gekommen war.“ (1. Chronik 7,21-23)

Ein Familiendrama – eine traumatische Erfahrung für den Vater. Der vierte Sohn trägt das aus, auch durch seinen Namen, in dem das Wort für „Unheil“ anklingt. Es war damals in Israel nicht ungewöhnlich, Kinder nach erschütternden Ereignissen zu nennen: Ikabod hieß so, weil Gottes Herrlichkeit aus Israel ausgewandert war; Jabez’ Name erinnerte daran, dass seine Mutter ihn mit Schmerzen geboren hatte. Aber wie diese Jungs mit ihren Namen zurechtkamen, ist nicht überliefert.

Für Vater Ephraim war die Welt jetzt wohl wieder einigermaßen in Ordnung. Ein Sohn war wieder im Haus. Aber …
Ephraim hatte auch noch eine Tochter: Scheera. (Gesprochen: Schä-ärá.) Ob sie erst nach den drei getöteten Söhnen zur Welt kam, wird nicht berichtet. Vielleicht lebte sie auch schon vorher – dann schien sie aber als Tochter nicht groß ins Gewicht gefallen zu sein, zumindest war sie kein Trost für den Vater, dem es auf einen lebendigen Sohn ankam.
„Ephraim hatte eine Tochter namens Scheera. Sie erbaute das untere und das obere Bet-Horon und Usen-Scheera.“(1. Chronik 7,24)

Man muss schon zweimal hinsehen, um zu erfassen, was hier so beiläufig in den Bericht eingestreut wird: Scheera war eine Städtegründerin und zog drei Städte hoch. Als Frau. Im Schatten der toten Brüder und des lebenden Bruders. Schatten … der war allerdings nicht so dunkel, das sie völlig darin verschwunden wäre. Der Bericht der Bibel beleuchtet wenigstens, was sie tat.

Eine Städtebauerin: Damit spielt sie in der Bibel in der gleichen Liga wie Nimrod, der erste Gewaltherrscher auf Erden, wie Josua, der Nachfolger von Mose, und wie Salomo, der König mit dem größten Reich in der Geschichte Israels (1. Mose 10,11; Josua 19,10; 1. Könige 9,17). Wie sie das gemacht hat? Hat sie selbst Lehm gerührt und Ziegel geschichtet? Oder eher die Pläne gezeichnet? Oder Handwerker akquiriert und die Logistik verwaltet? Oder alles zusammen? Hier liegt wieder Schatten über ihrer Geschichte – man weiß es nicht.

Eins aber ist klar: Sie muss eine weitblickende Strategin gewesen sein. Denn zwei der Städte, die sie baute, das obere und das untere Bet-Horon, sind strategisch außerordentlich günstig gelegen: am unteren und oberen Ende einer engen Passstraße. Wer hinauf auf die Höhe oder in Gegenrichtung ins Tal wollte, konnte nur diesen Weg nehmen und musste die beiden Städte passieren. Für Handelswege und Verteidigung waren solche strategischen Orte unschätzbar wertvoll. In mehreren Feldzügen spielte die Doppelstadt eine Rolle.

Wer die Familiengeschichte von Ephraim weiter liest, arbeitet sich durch eine Reihe von Namen und Generationenfolgen vor bis zu Josua, dem Sohn von Nun (1. Chronik 7,27). Dieser Nachfolger von Mose also war ein x-ter Urenkel von Ephraim. Kurze Zusammenfassung zur Erinnerung: Ephraim war Enkel und dann Adoptivsohn von Jakob. Er und seine Brüder – die Söhne Jakobs – wurden zu den Stammvätern Israels: Die zwölf Stämme tragen ihre Namen. Die Familien dieser Zwölf gelangte auf abenteuerlichem Weg nach Ägypten, vermehrten sich dort außerordentlich und wurden deshalb von den Ägyptern – die Angst vor Überfremdung hatten – als Sklaven gehalten. Gott befreite das Volk schließlich, ließ es eine Generation lang durch die Wüste ziehen – und dann konnten sie sich im Land Kanaan ansiedeln. Jeder Volksstamm füllte ein bestimmtes Gebiet. Josua, der x-te Enkel Ephraims, leitete das an. So die zusammenfassenden Überblicksberichte der Bibel.

Zum Gebiet des Stammes Ephraim gehörte unter anderem auch eine geografisch sehr günstig gelegene Doppelstadt: Bet-Horon. Die Gründung von Scheera. Jahrhunderte lang war Israel weit entfernt von diesem Land gewesen (als es in Ägypten lebte), aber jetzt, nach Generationen, kamen sie zurück – und Bet-Horon kam zum Stamm Ephraim zurück. Eine unglaubliche Nachwirkung dessen, was Scheera getan hatte. Die Doppelstadt Bet-Horon war seitdem so hochgeschätzt, dass König Salomo sie später selbst zu Festungen ausbaute.

Ephraim, möchte man ihn fragen, wusstest du, was du für eine Tochter hast? Hast du mitbekommen, was die auf die Beine gestellt hat? Oder hast du dich auf deine Söhne konzentriert und alles war gut, als du endlich wieder einen bekamst? Ephraim, mach die Augen auf und schau mal hin, was deine Tochter Scheera für eine Frau ist!
Und falls du gemerkt hast, was Scheera drauf hatte – warst du dafür oder dagegen gewesen? Hast du sie desinteressiert machen lassen oder hast du sie ermutigt und gefördert? Oder – was vielleicht die schlechteste aller Möglichkeiten wäre – warst du erst dagegen, hast dann aber mit ihr angegeben, als sie es geschafft hat?

Scheera, wie kamst du nur auf die Idee, drei Städte zu bauen? Hast du darum kämpfen müssen, dass man deinen Plänen folgte? Hättest du geahnt, was für eine unfassbar lange Nachgeschichte dein Werk haben würde? Dass dein Volk Generationen später davon profitieren würde?

Und du, Berichterstatter des Chronikbuches, was hast du gedacht, als du die Notiz über Scheera fandest? Warst du verblüfft, vielleicht sogar begeistert von dieser Frau? Oder konntest du dir gar nicht vorstellen, warum dieser Hinweis in das Generationenverzeichnis der Männer eingestreut war? Ob du einen Moment in der Versuchung gestanden hast, diese Notiz unter den Tisch fallen zu lassen? Oder hast du es mit Ehrfurcht niedergeschrieben – Ehrfurcht davor, dass es einen Gott gibt, der Menschen nicht eingrenzt in das, was man allgemein von ihnen erwartet, sondern der jeden persönlich nach seinen Möglichkeiten und Grenzen leben lässt, der jedem ins Herz sieht und dem es darauf ankommt, dass jeder das auslebt, was Gott in ihn hineingelegt hat? Der wollte, dass eine Scheera ihre Städte baute?

Gott sei Dank, dass der Hinweis auf Scheera nicht verloren ging, sondern seinen Platz in Gottes Wort gefunden hat: als Erinnerung daran, dass Ausnahmemenschen immer ihren Raum vor Gott haben, dass die Wirkung des eigenen Tuns und Lassens hoffnungsvoll weit über die eigene Lebenszeit hinaus reichen kann und dass es weise ist, genau hinzusehen und über das Besondere von Menschen zu stolpern.