Für was für einer Freiheit hat Gott uns gemacht? Schaffen wir es, dorthin umzukehren?
Dazu hier eine kleine Geschichte.
Samstag, 5. Mai 2012
Mittwoch, 25. April 2012
Abraham, Mose, David
Für das Ende der Zeiten setzt Gott ein Ziel für alle Menschen: versöhnt mit ihm in Gemeinschaft zu leben. In den bisherigen Beiträgen wurde deutlich, dass es Grund zur Annahme gibt, dass nicht alle Menschen dieses Ziel erreichen. Weil Gottes Liebe Freiheit einschließt.
Wenn Gottes Ziel in greifbarer Nähe
sein wird oder erreicht ist, dann spielen – laut der Offenbarung
des Johannes – zwei Namen aus Israels Geschichte eine Rolle: Mose
und David.
Mose
Die Gott treu geblieben sind, werden
das Lied des Mose und das Lied des Lammes singen (Offb 15). Der Text
lässt erkennen, dass es ein Lied ist, nicht zwei
verschiedene. Aber es ist von einer Art geistlicher Zweistimmigkeit
die Rede. Das Lamm, Christus, wird geehrt, wobei der Klang von Mose
her deutlich hörbar ist. Das bedeutet: Wer zu Christus kommt, stellt
sich bewusst in die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk – in die
Geschichte Israels. Israel wird – als erneuerter und glaubender
Rest des Volks – ergänzt durch die Christusgemeinde aus allen
Nationen, aber Israel wird nicht durch diese Gemeinde ersetzt.
„Mose“ und „Lamm“ klingen in dem Lied miteinander, und die
Lamm-Stimme wird die Mose-Stimme nicht übertönen.
Wer das Ziel von Gottes Geschichte
erreicht, der hat ein Ja zu Christus. Und wer ein Ja zu Christus hat,
der hat auch ein Ja zu „Mose“, zu Israel. Anders geht es nicht.
David
Ganz am Schluss wird Christus im
Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Christus, der von sich sagt: „Ich
bin der Ursprung Davids und zugleich sein Nachkomme.“ (Offb 22,16)
David und seine Nachkommen bilden die
Linie von Gottes Verheißung. David ist der Gesalbte, dessen „Sohn“
dann der Retter der Welt wurde: Jesus, der Sohn Davids. Christus
reicht in seiner Bedeutung hinter David zurück (als sein Ursprung),
aber kommt zugleich von ihm her. In Jesus hat Gott gezeigt, dass er
der Davids-Verheißung, die er Israel gab, treu bleibt.
Auch diese letzte Selbstvorstellung von
Christus in der Bibel knüpft unübersehbar an eine Israel-Linie an.
Wer wird an Gottes Ewigkeit teilnehmen?
Es können nur Menschen sein, die dem
zustimmen, dass Gott sie in die Israel- und Christuslinie stellt.
Werden alle Menschen in einer solchen
Ewigkeit ankommen wollen? Oder wird es welche geben, die dankend
verzichten?
Antisemiten? Nationalsozialisten?
Muslime?
Abraham
Die Nähe von Muslimen zum Gott der
Bibel wird oft hergeleitet durch die Verwandtschaft mit Israel von
Abraham her. Abraham, der gemeinsame Glaubensvater von Juden und
Muslimen.
Wenn aus dieser Einsicht Kraft zu einem
friedlichen Miteinander jetzt erwächst, dann ist das wunderbar. Man
kann Israel nur von Herzen gönnen, dass Muslime aufgrund ihres
Herkommens von Abraham allen Auslöschungs-Plänen abschwören.
Aber wenn Gottes Ziel in der
Offenbarung des Johannes beschrieben wird, dann fällt der Name
Abraham nicht. Sondern es fallen Namen, die für die Geschichte
stehen, die Gott sehr besonders mit Israel hat.
Gewinnt Gott alle Menschen am Ende der
Zeit?
Wer Christus ablehnt und wer Israel
ablehnt, wird der sich wirklich von Gott für DESSEN Ziel der Geschichte
gewinnen lassen?
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Sonntag, 22. April 2012
Jesus – „Dieser nimmt die Sünder an!“
„Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen!“ (Lukas 15,1). Das hat man damals über Jesus gesagt. Kaum etwas ist so typisch für Jesus wie seine Zuwendung zu denen, die glaubensmäßig untauglich erschienen. Er hat besonders ihnen den Weg in Gottes Königsherrschaft geöffnet.
Wenn Jesus niemanden ausschloss und
sagte: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen“
(Joh 6,37) – ist nicht gerade Jesus dann der Beweis, dass Gott am
Ende alle annehmen wird? Wenn Jesus das zuverlässigste Spiegelbild
Gottes ist, kann der Gedanke dann überhaupt noch möglich sein, dass
Gottes Gericht am Ende einen doppelten Ausgang hat, mit Annahme und
Verwerfung?
Hier kommt alles darauf an, von
„welchem“ Jesus wir sprechen. Es gibt den Jesus, dessen Bild man
unwillkürlich auf wenige Verhaltensweisen und Werte reduziert. Der
„liebe Heiland“, der nichts Böses will. Und diese Redeweise vom
„lieben Heiland“ darf ja tatsächlich nicht zur Karikatur werden!
Heiland heißt Retter, und lieb heißt in diesem Fall: liebend. Jesus
ist und bleibt der liebender Retter. Der Spruch vom „lieben
Heiland“ hat einen richtigen Kern.
Aber Jesus ist ja keine eindimensionale
Person. Jesus ist vieles – unter anderem auch Prophet in der
Tradition alttestamentlicher Propheten.
Jesus als Prophet
Und nun muss man zugeben, dass in der
Verkündigung von Jesus sich durchaus viele Worte finden, die von
einem doppelten Ausgang des Gerichts sprechen. Das ist schroff. Aber
Jesus, der liebende Retter, ist eben zugleich auch schroff, wie ein
alttestamentlicher Prophet.
Die Gleichnisse vom Reich Gottes
gehören anerkanntermaßen zum Kern von Jesu Botschaft (Matthäus 13;
Markus 4). Gerade hier ist immer wieder von der Möglichkeit die
Rede, dass Gott am Ende richtet und trennt und dass dann auch welche
verloren gehen – wie Spreu, wie Unkraut, wie unnütze Fische. Der
liebende Retter Jesus nimmt die Sünder an und wer zu ihm kommt, den
wird er nicht hinaus stoßen. Aber das Gegenteil ist nicht weniger
betont: Wer nicht zu ihm kommt, denn muss er gar nicht mehr hinaus
stoßen, denn er hat sich selbst ja schon nach draußen gestellt –
und dort wird Jesus ihn auch lassen, wenn denn in seinen Gleichnissen
z.B. vom Unkraut unter dem Weizen und vom Fischnetz (Mt 13) Wahrheit
enthalten ist.
Hier müsste man über einen möglichen
Einwand sprechen. Jesus redet in der Tradition der alttestamentlichen
Propheten und die haben vielfach Gottes Gericht angesagt. Aber fast
immer waren das – z.B. bei Jesaja oder Amos – doch Rufe zur
Umkehr. Gott hat hier nicht die starr verlegten Gleise in die
Ewigkeit beschreiben lassen. Sondern er hat die Botschaft vom Gericht
und der Verwerfung in Auftrag gegeben, damit die Hörerinnen und
Hörer umkehren und gerade nicht im Gericht scheitern und
verworfen werden.
Sind die Gleichnisse von Jesus nicht
Ähnliches? Ernste Warnrufe, die aufrütteln wollen, damit das
angekündigte Unheil gerade nicht eintritt?
Das könnte so sein. Vielleicht (!)
wollte Jesus einen Satz wie Matthäus 13,49-50 noch nicht als Gottes
letztes Wort verstanden wissen. Vielleicht.
Aber auch hier müssen wir genauer
hinsehen.
Bußrufer und Apokalyptiker
Die alttestamentlichen Propheten kann
man – grob – in zwei Gruppen einteilen: Diejenigen, die ihre
Zeitgenossen in der Gegenwart zur Umkehr rufen, und die
anderen, die Endzeitvorhersagen machen. Diese Endzeitpropheten
gehören zu der Sorte der „apokalyptischen Prophetie“. Die haben
eher über mehr oder wenige festgelegte Zukunfts-Szenarien
gesprochen. Bei denen geht es um die Endzeit. Aber die andere Gruppe
von Propheten wollte das eben nicht, sondern es waren
„Buß-Propheten“; Umkehrrufer für ihre Zeitgenossen.
Wenn Jesus also ein Prophet der „ersten
Sorte“ war, wie z.B. Jesaja, dann wollte er vielleicht doch keine
endgültigen Aussagen über dass Endgericht machen?
Jedoch verbinden sich bei einzelnen
Propheten beide Sorten von Prophetie. Mitten im Jesajabuch findet
sich die sogenannte „Jesaja-Apokalypse“ (Kapitel 24 bis 27). Die
historisch-kritische Theologie mag diese Kapitel dem Jesaja der
vorhergehenden Kapitel absprechen und meinen, in dieser Apokalypse
käme ein ganz anderer Prophet zu Wort. Nun, selbst wenn – bei
Jesus ist es unbestreitbar, dass er beide Sorten von Prophetie
verbindet: den Umkehrruf an seine Zeitgenossen und die apokalyptische
Prophetie (unübersehbar in Mt 24-25 und Mk 13 und Lk 21).
Die Worte von doppelten Ausgang des
Gerichtes Gottes finden sich bei Jesus nun nicht allein in den
Reich-Gottes-Gleichnissen (erste Sorte von Prophetie), sondern auch
in seinen apokalyptischen Worten, z.B. in Mt 24,40-41.
Das Maß aller Dinge, das Maß allen Denkens
Christliche Theologie hat – wenn sie
denn christlich ist – in Christus ihr Maß. „Jesus Christus, wie
er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort
Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu
vertrauen und zu gehorchen haben.“ (These 1 der Barmer
Theologischen Erklärung)
In der Frage nach Gottes Gericht und
der Versöhnung am Ende ist Jesus Christus ebenfalls das Maß aller
Dinge.
Er ist der liebevolle Retter, der
niemanden hinaus stößt, der zu ihm kommt. Aber damit ist gerade der
präzise Ort genannt, wo Rettung zugänglich ist: „zu ihm kommen.“
Wer diesen Weg willentlich nicht wählt,
der muss sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass Gottes
Gericht am Ende eine doppelten Ausgang hat: Er nimmt die an, die sich
auf Jesus verlassen, und akzeptiert die Ablegung derer, die das nicht
tun wollen.
Auch von Jesus her ist eine
Allversöhnung nicht gut zu begründen.
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Samstag, 21. April 2012
Mission unnötig?
Ob Gott am Ende doch alle Menschen annehmen wird oder dabei bleibt, auch welche zu verwerfen – über diese Frage habe ich in den bisherigen Beiträgen nachgedacht. Dabei ist schon deutlich geworden, dass es weniger darum geht, dass Gott Menschen verwirft. Sondern dass Menschen Gott verwerfen und dass Gott das vermutlich sehr ernst nimmt.
Ein Argument gegen die „Allversöhnung“
ist oft: Wenn Gott doch alle annehmen würde, dann müssten Christen
ja gar nicht mehr missionieren. Also – Umkehrschluss –: Weil
Jesus die Mission angeordnet hat, muss es wohl so sein, dass nicht
alle Menschen gerettet werden.
Mich hat dieser Einwand nie so recht
überzeugt.
Wenn Gott am Ende alle Menschen
annehmen würde – dann wäre es dennoch höchst sinnvoll, sie jetzt
schon zu ihm einzuladen. Denn sie würden ja sonst wertvolle Jahre
ihres Lebens verpassen, die sie ohne Gott leben, und viel zu spät
ihr Glück in ihm finden. Schade um die Zeit.
Hinter dem oben genannten Einwand
scheint mir ein falsches Verständnis vom Reich Gottes zu stehen: Das
Reich Gottes wäre die Ewigkeit, und damit man in den Himmel kommt,
muss man die Botschaft von Christus hören. (Und wenn man letzten
Endes sowieso in den Himmel käme, müsste man die Botschaft demnach
eben nicht unbedingt hören.)
Doch das Reich Gottes beginnt ja längst
nicht erst „im Himmel“, in der Ewigkeit. Es ist mit Jesus
gekommen und erreicht jeden sofort, der Jesus vertraut.
Deshalb ist es sinnvoll und dringend,
Mission zu leben, und zwar in dem Sinne, wie es Fulbert Steffensky
kurzgefasst definiert hat:
Mission heißt: Zeigen, was man liebt.
Weil Gottes Reich schon unterwegs ist
und nur durch Jesus Christus zugänglich ist, ist es sinnvoll, dafür
einzuladen. Und falls Gott am Ende doch alle Menschen annehmen würde
(was auch dann nicht an Christus vorbei passieren kann), dann wäre
es doch wunderbar, wenn auch diese Menschen nicht vorher alles Glück
in Gott verpasst hätten. Dafür würde sich schon jede Mission
lohnen.
Ich persönlich sehe in der Heiligen
Schrift keine tragenden Gründe, zuversichtlich anzunehmen, dass Gott
alle Menschen am Ende doch rettet. Ich vermute, Gott lässt die
Freiheit zum Nein bis zuletzt. Aber das Argument „... dann müssten
wir ja auch nicht missionieren“ scheint mir in der
Allversöhnungs-Diskussion nicht treffend zu sein.
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Donnerstag, 19. April 2012
Theologie der Ergänzung
Die Frage, ob Gott alle Menschen
am Ende für sich gewinnen wird, hängt eng mit einer anderen Frage zusammen: mit
der Frage der Versöhnung. Das Schlagwort, das schon lange in der Christenheit
diskutiert wird, heißt ja „Allversöhnung“. Um hier ein wenig Klarheit zu
gewinnen, ist es also nötig, über die Versöhnung in Christus nachzudenken.
Deutungen des Kreuzes
Versöhnung mit Gott wird oft in
Zusammenhang mit dem Kreuzestod von Jesus gesehen. Sein Tod ist ein
stellvertretendes Opfer, das Versöhnung schafft, ähnlich wie Israels Opfer im
Alten Testament von Gott gegeben wurden, um Versöhnung zu ermöglichen.
Diese Deutung des Kreuzestodes
von Jesus wird gegenwärtig in der Theologie stark hinterfragt. Zum einen wird
die Rückfrage laut: Sollte Gott wirklich ein Opfer nötig haben oder verlangen,
um zur Versöhnung bereit zu sein? Was ist das für ein Gottesverständnis?
Zum anderen wird – zu Recht –
darauf hingewiesen: Der Tod von Jesus wird im Neuen Testament auf sehr
verschiedene Weise gedeutet, und die Sühnopfer-Vorstellung ist dabei nur eine
von vielen. Sie sollte – so die Schlussfolgerung – nicht zur einzigen oder gar
verbindlichen Deutung gemacht werden.
Dieser zweiten Frage möchte ich
in diesem Beitrag nachgehen. Die erste Frage wurde im Beitrag zu 2. Korinther 5
schon gestreift.
Nachträgliche Deutungen
Zunächst sollte man festhalten:
Alle geistlichen bzw. theologischen Deutungen des Todes Jesu sind im NT
nachträgliche Deutungen. Der Tod dessen, den man für den Messias hielt, kam so
unerwartet und war so verstörend, dass niemand vorher sagen konnte, es musste
so kommen und es hatte einen klar zutage liegenden Sinn. Dieser Sinn konnte
erst im Nachhinein gefunden werden. Ich bin skeptisch gegenüber denen, für die
das Geschehen letztlich ganz glatt lief, nach der Melodie: Es musste alles so
kommen, denn Gott hatte alles ganz wunderbar geplant. Nein – es hätte auch von
Gott aus alles anders kommen können und sollen: nämlich dass sein Volk auf den
letzten gesandten Boten hörte – nach dem Gleichnis in Mt 21 („das ist mein
Sohn, vor dem werden sie Respekt haben“, V. 37). Doch es lief schief – weil
Menschen es so wollten, nicht weil es unbedingt so kommen musste. (Dass Gott
dann daraus etwas unvergleichlich Heilbringendes machte, ist eine andere Geschichte
...)
Neues Testament: Der Weg der
Vielfalt
Das Apostolische
Glaubensbekenntnis schließt den Tod von Jesus ein – zu ihm bekennt sich also
die ganze Christenheit. Er steht unbestritten im Zentrum des Glaubens. Doch das
„warum“ oder „wozu“ bleibt in der Formulierung „gekreuzigt, gestorben und
begraben“ letztlich offen. Das Apostolische Glaubensbekenntnis lässt damit
einen großen Raum für die unterschiedlichsten Deutungen offen. Diesen
Deutungsraum erreicht es im Grunde durch eine „Leerstelle“. Es sagt nichts
Konkretes. Die „Vergebung der Sünden“ wird erst später genannt, ohne
Zusammenhang mit dem Tod von Jesus.
Das Neue Testament geht in ganz
bemerkenswerter und charakteristischer Weise den entgegengesetzten Weg. Auch
das NT erreicht einen großen Deutungsraum, aber nicht durch eine Leerstelle,
sondern im Gegenteil durch eine große Vielfalt, eine Vielstimmigkeit des
Bekenntnisses. Diese Wesensart des NT muss man ernst nehmen und wertschätzen.
Das NT geht den Weg einer „Theologie der Vielfalt“, einer „Theologie der
Ergänzung“.
Zum Beispiel Lukas
Lukas in seinem Doppelwerk
(Evangelium und Apostelgeschichte) ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn man
fragt, wie Lukas den Tod von Jesus deutet, dann bekommt man ein ganzes Bündel
von Antworten. Theologen vermerken dies manchmal mit einer Art von Bedauern –
als ob Lukas nicht so klar, nicht so präzise sei. Natürlich – Theologen lieben
es, wenn eine These prägnant herausgearbeitet wird und nichts in der Schwebe
bleibt. Diesem Bedürfnis kommt Lukas nun nicht entgegen. Aber seine spezielle
Art, Jesus zu deuten, hat eben auch etwas zu sagen und hat ihren besonderen
Stellenwert.
Lukas bietet folgende Deutungen
des Todes von Jesus an (hier aufgeführt u.a. nach Eduard Schweizer,
Theologische Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 1989):
‹› Die Heilsbedeutung des Todes
von Jesus wird nicht klar benannt.
‹› Der charakteristische Satz vom
Lösegeld, wie er bei Markus steht, fehlt: „Denn auch der Menschensohn ist
nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben
gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45)
‹› Jesus ist vielmehr „gekommen“,
um zu suchen und zu retten (nicht ausdrücklich, um sich als Lösegeld zu geben).
‹› Der Abendmahlsbericht – bei
anderen biblischen Autoren der Ort, wo Jesus erklärt, er werde sein Blut zur
Vergebung der Sünden vergießen – betont bei Lukas eher Jesus als den Dienenden.
‹› Das Kelch-Wort beim Abendmahl
ist bei Lukas eher mechanisch in den Text eingefügt – es ist nicht erkennbar,
dass Lukas sich damit besonderes auseinandergesetzt hätte.
‹› Allerdings ist die Deutung,
Jesus habe sich für „unsere Sünden“ hingegeben, bei Lukas ebenfalls vorhanden:
Philippus nimmt in Apg 8 deutlich Bezug auf Jesaja 53, wo diese Deutung
unübersehbar ist.
‹› Insgesamt gilt für Lukas: Jesu
gesamtes Wirken, nicht nur sein Tod, ist der Dienst, wobei sein Tod besonders
eingeschlossen ist.
‹› Lukas erzählt lieber die ganze
Fülle Jesu als dass er sich für präzise Christus-Titel (z.B. Messias, Lamm
Gottes, Menschensohn etc.) interessiert. (Einige Titel kommen vor, sind aber in
keinen besonders aussagekräftigen Zusammenhang gestellt.)
Lukas ist also jemand, der nicht
den Weg wählt, sich auf eine theologische Kern-Interpretation festzulegen. Er
geht einen anderen Weg: den der inhaltlichen Vielfalt. Die einzelnen Aussagen,
die er über Christus und seinen Auftrag macht, ergänzen sich.
Deutungen des Todes Jesu im
Neuen Testament
Wenn wir den Blick weiten auf das
gesamte Neue Testament, dann finden wir ein ähnliches Ergebnis: eine
vielfältige Deutung des Todes von Jesus.
Folgende Deutungen sind „im
Angebot“ – wobei die einzelnen Vorstellungen z.T. nahe beieinanderliegen, aber
dennoch voneinander unterschieden werden können:
‹› Jesu Tod als Gericht über die
Sünde der Welt
‹› Bezahlung der Schuld. Diese
beiden Deutungen haben einen juristischen Vorstellungshintergrund.
‹› Sühnopfer für die Sünde der
Welt. Diese Vorstellung hat einen kultischen (gottesdienstlichen) Hintergrund,
nämlich das jüdische Opferwesen.
‹› Versöhnung der Welt mit Gott.
Hier sind die menschlichen Beziehungen der Vorstellungshintergrund.
‹› Loskauf des Menschen aus der
Sklaverei der Sünde und des Verderbens. Diese Vorstellung kommt vom
Sklavenwesen her – eine Erfahrungswelt, die jedem damals vor Augen stand.
‹› Waschung. Vorstellungshintergrund:
jüdische Reinheitsvorschriften im Alltag.
‹› Sieg über die Mächte – im
Hintergrund steht die Vorstellung vom Kampf.
‹› Äußerste Erniedrigung als
Solidarität mit dem menschlichen Leben sowie Gehorsam gegenüber Gott
Wir sehen: Das Neue Testament hat
weit mehr zu sagen, als dass der Tod von Jesus nur ein Sühnopfer oder eine
stellvertretende Schuld-Bezahlung wäre. Der Segen des Kreuzes ist so reich,
dass er ein dickes Bündel an Ausdeutungen erfordert.
Theologie der Vielstimmigkeit
Was wir hier beobachten, ist kein
theologischer Betriebsunfall oder ein Anzeichen, dass die frühen Christen ihre
wichtigsten Gedanken nicht richtig auf die Reihe bekommen hätten. Sondern wir
sind auf einen grundlegenden Wesenszug der Heiligen Schrift gestoßen: das Nachdenken
durch Vielstimmigkeit, durch Addition der Gedanken.
Das zeigt sich schon im Alten
Testament: Wir haben parallel laufende Geschichtsberichte, die Königs- und die
Chronikbücher. Als ein späterer Autor die Geschichte Israels noch mal unter
besonderen Gesichtspunkten erzählte – in den Chronikbüchern –, hat es niemand
für nötig gehalten, die Königsbücher nun auszurangieren. Beide haben
nebeneinander ihre Bedeutung. Wir Leser werden für mündig genug gehalten, mit
dieser Mehrfachüberlieferung klarzukommen.
Zwei Schöpfungsberichte ergänzen
sich in 1Mo 1-2.
Etliche Psalmen stehen mehrfach
in der Bibel – ohne dass das als überflüssige Doppelung betrachtet worden wäre.
Der Wortlaut ist fast exakt gleich, aber das eine Mal sind Psalmteile anders
miteinander kombiniert, ein anderes Mal steht der Psalm an einer zweiten Stelle
noch einmal, also in anderem Zusammenhang. Auch das ergibt eine größere
Bedeutungsvielfalt.
Im NT ist es nicht anders. Die
frühe Kirche des zweiten bis fünften Jahrhunderts hatte schon sehr bald das
Bedürfnis, die vier Evangelienberichte miteinander zu harmonisieren, aber das
NT selbst hat die vier Berichte einfach nebeneinander, miteinander überliefert.
Die Wiederholungen stören nicht. Die Spannungen und Widersprüche offenbar auch
nicht. So kommt eine Vielstimmigkeit zustande.
Ähnlich ist es mit den
„Haustafeln“ im Epheser-, Kolosser- und 1. Petrusbrief. Oder der inhaltlichen
Nähe zwischen dem 2. Petrus- und dem Judasbrief.
Präzise ist so etwas nicht. In
manchen Themen führt es zu Unschärfen. Aber gerade diesen Weg gehen die Denker
der Bibel und die sammelnden frühen Gemeinden. So entspricht es ja auch der
rabbinischen Denkweise: Die Wahrheit wird hier im Gespräch gesucht. Meinung A
steht gegen Meinung B. Rabbi C hat vielleicht dann eine gute Lösung gefunden,
aber die Meinungen A und B werden im Talmud dennoch aufbewahrt. Auch das ist
eine Theologie der Ergänzung und Vielstimmigkeit.
Wer auch immer den Wunsch hat,
biblisch denken zu lernen oder sein geistliches Urteilsvermögen sowohl am
Inhalt der Schrift als auch an ihrer Sprechweise auszurichten – der muss sich
auf diese Theologie der vielstimmigen Ergänzung einlassen.
Keine Streichungen beim Kreuz
Bemerkenswert ist aber nun: Von
den verschiedenen theologischen Deutungen der Heiligen Schrift wurde eben nicht
das Unwichtige oder weniger Aussagekräftige weggestrichen. Im Laufe der Zeit
hat sich kaum etwas verschmälert oder reduziert.
Genau diesen Weg gehen allerdings
in der heutigen theologischen Diskussion einige, die sich mit dem Tod von Jesus
auseinandersetzen. Nicht wenige vertreten ernsthaft die These, dass man die
Sühnedeutung oder das stellvertretend Opfer von Jesus heute ausklammern sollte
(weil es nicht mehr vermittelbar sei). Bekannt geworden ist die Formulierung
von Klaus-Peter Jörns: „Notwendige Abschiede“. Damit ist der Abschied eben von
der Sühnedeutung und dem Opfergedanken gemeint. Hier wird die biblisch
vorgegebene Theologie der Vielstimmigkeit verlassen.
Man kann die Sühnedeutung des
Todes von Jesus sehr wohl in den größeren biblischen Zusammenhang stellen. Man
kann sie dadurch auch durchaus relativieren. Man kann festhalten, dass sie zu
bestimmten Zeiten den Menschen nicht so viel zu sagen hat wie andere Deutungen
des Todes Jesu. Wer das tut, hat das vielfache Zeugnis des Neuen Testaments auf
auf seiner Seite.
Aber man kann dieses Zeugnis des
NT nicht dafür in Anspruch nehmen, sich von bestimmten theologischen
Deutungen zu verabschieden. Damit wäre alles geradezu auf den Kopf gestellt.
Denn das NT geht gerade den gegenteiligen Weg.
Der Segen der Vielstimmigkeit
In der gegenseitigen Ergänzung
der biblischen Texte liegt eine große Weisheit, eine Kraft und ein tiefer
Segen. Wenn die Bibel ihr Zeugnis in seinem ganzen Reichtum überliefert, kann
jede Generation und jede zeitgeschichtliche Situation sich gerade von den Texten ansprechen lassen, die jetzt
besonders bedeutungsvoll sind. Jede Zeit, jede Epoche hat ihre speziellen
Herausforderungen – und damit auch ihre besonderen Texte, die hell leuchten.
Gleichzeitig sind dann andere Texte eher im Schatten. Das ist völlig normal,
dagegen ist nichts einzuwenden.
Zum Beispiel hat das Buch der
Offenbarung immer seine besonderen Zeiten gehabt, in denen es wichtig war. Zu
anderen Zeiten hat man es eher überblättert.
Allerdings gab es auch fast immer
Leute, die dieses Buch gern ganz aus der Bibel aussortiert hätten. (Luther
hätte auch den Jakobusbrief gern draußen gehabt.) Was wäre geschehen, wenn die
Kirche das zugelassen hätte? Dann wäre die biblische Vielstimmigkeit ärmer
geworden. Und nachfolgenden Generationen wäre die Möglichkeit geraubt worden,
dass dieses Buch in einer aktuellen Situation womöglich wieder laut zu ihnen
sprechen kann.
Der Weg des Aussortierens ist an
dieser Stelle ein Holzweg.
Wenn bestimmte Aussagen zu
bestimmten Zeiten nicht so relevant erscheinen, nicht so deutlich zu sprechen
scheinen, dann ist es das beste, respektvoll weiterzublättern. Achtung davor zu
haben, dass diese Texte aber als Gottes Wort bereits gesprochen haben und
später wieder sprechen werden. Und ab und zu nachzusehen, ob man diese Texte
etwa schon ganz vergessen hat – oder ob man ihnen mittlerweile nicht doch etwas
ablauschen kann.
Komplette „Abschiede“ aber sind
nicht nur unnötig, sie sind auch unklug. Sie sind nicht nachhaltig im Blick auf
die Zukunft.
Das gilt nicht nur, aber auch für
die Sühne- und Opferdeutung des Todes von Jesus.
Vielfalt mit einer Mitte
Die Sühne- und Opferdeutung des
Todes Jesu ist also ein Klang unter vielen in der „Musik“ des Neuen Testaments.
Ein Strang im reichhaltigen Aussagebündel.
Dennoch nimmt gerade diese
Deutung eine gewissen Sonderstellung ein, die andere Deutungen des Todes Jesu
so nicht haben. Ich halte die Sühnedeutung für sehr zentral.
Das ist zum einen an der Quantität zu erkennen: Diese Deutung
wird doch von recht vielen Schriften des neuen Testaments vertreten.
Zum anderen meine ich, diese
Deutung habe eine besondere Qualität:
Sie steht am Anfang und in der Mitte der Glaubensüberlieferung.
Am Anfang: in 1Kor 15,1-3
überliefert Paulus ein Glaubensbekenntnis, das anerkanntermaßen sehr alt ist und
längst vor Paulus in den Gemeinde in Gebrauch war. Hier wird u.a. bekannt: „dass
Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift.“ Der Tod Jesu hat
also ein Ziel – „für“ – und einen Deutungsrahmen: „nach der Schrift“. Welche
Schriftstelle ist gemeint?
Es muss eine sein, in der das
Ziel des Todes von Gottes Gesandten deutlich wird. Zwar gibt es eine Reihe von
Schriftstellen, die vom Tode eines Gottgesandten reden (z.B. Dan 9,26; Sach
12,10), aber nur einen Zusammenhang, der ein Ziel, eine „Für“-Bedeutung des Todes
angibt: Jesaja 53. Dies muss der Bezugs-Text für das alte christliche Glaubensbekenntnis
sein. Damit aber ist klar: Die Sühnedeutung von Jes 53,4-6.10 war präsent von Anfang
an in der Christenheit und war durchgehend verbreitet. Sie steht im Zentrum.
Im Zentrum stand sie auch jede
Woche (oder öfter) im urchristlichen Gottesdienst. Denn in dessen Mitte stand
das Herrenmahl. Das kann man heute noch ablesen an den Kapiteln 11-14 des
1.Korintherbriefs. Die Fragen, die Paulus hier behandelt, spiegeln ziemlich
genau den Ablauf des Gottesdienstes wider, wie einige Bibelausleger sehr
überzeugend herausgestellt haben. In der Mitte also das Mahl und in dessen
Mitte das „Deutewort“: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird ...“ Für!
Also stellvertretend. „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“. Das Blut
in Zusammenhang mit Bund hat vom AT her Opferbedeutung.
So reich die neutestamentliche
Verkündigung also auch ist, so vielfältig die Deutungen des Kreuzes: Die
Sühnedeutung bildet die Mitte der Vielfalt. Von ihr kann man also nur sehr sehr
eingeschränkt sagen: Das stellen wir heute an den Rand, weil uns die anderen Deutungen
heute, in unserer Zeit, mehr ansprechen. Dieser Schritt will wohl überlegt sein
und man muss wissen, was man da tut.
Fazit
Zweierlei müsste man neu in den
Blick bekommen: Die „Theologie der Ergänzung“ als ein biblisches Grundmuster.
Und die Sühne- und Opferdeutung des Kreuzes. Sie ist längt nicht die einzige
Verstehensmöglichkeit. Aber dennoch keine verzichtbare Variante. Die Vielfalt
hat eine unaufgebbare Mitte.
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Sonntag, 8. April 2012
Das Ziel von Gottes Plänen
Das Ziel von Gottes Plänen beschreibt Paulus in Kol 1,19-20 folgendermaßen:
„Denn
es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte und
er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im
Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“
Alles soll mit Gott versöhnt sein. Man
kann auch übersetzen: Das All soll mit Gott versöhnt sein. Das
klingt sehr universal – als ob auch das Universum mit gemeint sein
könnte.
Wir begegnen hier Bekenntnis-Aussagen,
die schon aus 2Kor 5 bekannt sind: Gott hat bereits die Versöhnung
gestiftet (Christus hat Frieden gemacht). Nicht Gott musste sich
versöhnen, sondern die Welt (Hier im Kolosserbrief: „alles“)
musste sich mit Gott versöhnen bzw. mit Gott versöhnt werden. Und:
Der Weg zu dieser Versöhnung ist klar definiert; er geht über
Christus und sein Kreuz.
Deutungen des Kreuzes
Das Kreuzesverständnis im
Kolosserbrief setzt dabei andere Akzente als der 2. Korintherbrief.
Dort haben wir eine Stellvertretungs-Christologie gefunden. In Kol
2,14-15 drückt Paulus es anders aus. Es verbinden sich zwei
Vorstellungen: a) das Kreuz als Ort, an dem die Schuld bezahlt wurde.
Der Schuldschein ist ans kreuz geheftet – dorthin, wo das Vergehen
des Hingerichteten angezeigt wurde. Der Gekreuzigte wurde also für
„unsere“ Schuld hingerichtet. b) Dieses Geschehen ist ein Sieg
und Triumph Gottes. „Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht
entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen
Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“ Das ist bemerkenswert: Der
Moment größter Qual und Erniedrigung ist zugleich der große Sieg
und die völlige Überlegenheit von Christus.
Dem Kolosserbrief reicht an dieser
Stelle also nicht eine einzige geistliche Deutung des Kreuzes von
Christus aus. ER verbindet zwei Deutungen. Die Erfahrung, dass Gottes
Sohn am Kreuz starb, ist zu reich, als dass man sie mit nur einer
einzigen Vorstellung ausreichend erfassen könnte. Jedoch fehlt auch
im Kolosserbrief die Stellvertretungs-Christologie nicht völlig.
Gottes Plan A
Eine solche Allversöhnung ist also
Gottes erklärte Absicht. Für dieses Ziel hat er die ganze Welt
geschaffen. Für dieses ziel hat er den höchsten denkbaren Preis
bezahlt, nämlich seinen Sohn hingegeben. Es wäre kaum vorstellbar,
dass das umsonst gewesen sein sollte. Diese Allversöhnung ist Gottes
Plan A.
In dem theologischen Vortrag, den ich
vor einigen Wochen hörte, war gerade diese Schriftstelle ein
Hauptbeleg des Referenten: Alles ist auf Christus hin geschaffen (kol
1,16). In ihm also sollen sich alle Linien der Geshcihte einmal
bündeln. Nichts anderes will Gott.
Nun ist der Satz aus Kol 1,20 ja eine
Absichtserklärung. Keine Voraussage – „es wird so sein“
–, sondern ein „Damit“-Satz: „Damit es so kommen
wird“. Daraus ergibt sich die Frage: Wird sich dieser Wille Gottes
erfüllen? Kommt Gott mit allem, was er will, zum Ziel?
Wie ist es an anderen Stellen in der
Schrift? Kommen Gottes Pläne immer zum Ziel?
Seitenblick in den Epheserbrief
Der Epheserbrief ist mit dem
Kolosserbrief eng verwandt. Im ersten Kapitel dort zeigt Paulus die
Grundabsichten Gottes auf. Unter anderem nennt er: „Er hat uns ja
das Geheimnis seines Willens zu erkennen gegeben … alles
zusammenzufassen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das,
was auf der Erde ist - in ihm.“ (Eph 1,9-10) Das klingt recht
ähnlich wie im Kolosserbrief. Eine weitere Absicht Gottes ist:
„damit wir etwas seien zum Lob seiner Herrlichkeit.“ (Eph 1,12)
Wird diese Absicht eintreffen –
werden alle Glaubenden „etwas sein zum Lob von Gottes
Herrlichkeit“? Paulus erweckt nicht den Eindruck, als stünde
dieser Plan Gottes auf der Kippe. Er schreibt mit großer Zuversicht.
Dennoch zeigt der Epheserbrief, dass einzelne sich dieser Absicht
Gottes entziehen können. Deshalb mahnt Paulus die Gemeinde
ernsthaft. In Eph 5,5 sagt er klar, dass Menschen, die sich nicht in
ihrem Leben von Gott prägen lassen, keinen Anteil am Reich Gottes
haben werden. Sie sind dann also nicht „etwas zum Lob seiner
Herrlichkeit“. Der Grundklang des Briefes bleibt: Zuversicht. Aber
die Absicht Gottes ist dennoch kein Selbstgänger. Die negative
Möglichkeit, dass einzelne Gottes Absichten verpassen, bleibt am
Rande bestehen.
Gott kommt demnach mit seinem Plan –
den er teuer bezahlt hat – nicht überall zum Ziel. Unserer
Vorstellung von der Allmacht Gottes widerstrebt das vermutlich. Aber
Gott ist offenbar keiner, der seinen Plan A gegen alle Widerstände
durchsetzt.
Seitenblick ins Lukasevangelium
Das Gleichnis vom Vater und seinen
beiden Söhnen (Lk 15) lässt die Leidenschaft des Vaters deutlich
erkennen: Er will beide Söhne bei sich zu Hause haben, und zwar
nicht nur im Haus, sondern in seiner Nähe, in vertrautem Umgang mit
ihm. Keinem der beiden Söhne zwingt er diesen Plan auf. Der jüngere
Sohn erfüllt schließlich die Absicht des Vaters – aus freien
Stücken. Der ältere auch? Im Verlauf des Gleichnisses nicht. Der
Vater lädt ihn dringlich ein. Aber dann endet das Gleichnis. Ist es
nicht sehr bezeichnend, dass Jesus das Ende offen lässt? Liegt darin
nicht eine bedeutsame theologische Aussage, nämlich: Es bleibt eben
offen, ob der ältere Sohn auch zum Vater heimkehrt? Niemand kann das
ausschließen. Und niemand kann logisch zwingend beweisen, dass es
so sein wird – dass er heimkehren wird, dass die Liebe des Vaters
ihn so überwinden wird, dass er ihr schließlich folgt.
Das Bild des Vaters, das Jesus
zeichnet, ist allerdings eindeutig: Er zwingt keinen. Er hat seinen
„Plan A“, aber ist bereit, sich darauf einzulassen, dass dieser
Plan nicht zum Ziel kommt und er auf einen „Plan B“ umschwenken
muss.
Zurück zum Kolosserbrief
Auch
in Kolosser 1, unserem Ausgangspunkt, bleibt der Absichtssatz nicht
mehr als ein Absichtssatz. Er wird nicht zum Zukunftssatz, zur festen
Vorankündigung: „Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle
Fülle wohnen sollte und er durch ihn alles mit sich versöhnte ...“
Wird sich das erfüllen? In V. 22
betont Paulus, dass die Versöhnung „für euch“ (die Christen in
Kolossä“ eine gegebene Tatsache ist. Aus ihr folgt die
Möglichkeit, dass sie heilig in Gottes Gegenwart sein können. Dann
aber (V. 23) fügt Paulus eine Bedingung an: „sofern ihr im Glauben
gegründet und fest bleibt und euch nicht abbringen lasst von der
Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, das in der ganzen
Schöpfung unter dem Himmel gepredigt worden ist ...“
Unter dieser Bedingung kommen Gottes
Pläne zum Ziel. Unter dieser Bedingung erfüllt sich Gottes Absicht
der Allversöhnung.
Das erste Kapitel des Kolosserbriefs
ist ein biblischer Hauptbeleg für die verschiedenen
Allversöhnungslehren. In diesem ganzen Kapitel aber, vollständig
gelesen, kann ich nicht erkennen, dass am Ende der Zeiten einmal
jeder einzelne von Gott angenommen wird. Oder besser gesagt: Dass
sich jeder einzelne einmal von Gott wird annehmen lassen.
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Gewinnt Gott alle Menschen?
Sonntag, 1. April 2012
Versöhnung für alle
Die Antwort von Paulus in 2. Korinther
5 ist sehr eindeutig: Versöhnung ist für alle da, für die ganze
Welt. Niemand ist ausgenommen.
„... das alles von Gott, der uns mit
sich selber versöhnt hat durch Christus. Denn Gott war in Christus
und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre
Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der
Versöhnung. “ (2Kor 5,18-19)
Das ist die biblische
Allversöhnungslehre: Die Welt ist mit Gott versöhnt. Seitdem ist
alles anders geworden. Jeder Mensch, der lebt, ist jemand, an dem
Gott bereits gehandelt hat.
Daraus sind einige Schlussfolgerungen
zu ziehen:
1. Diese Welt hat eine Geschichte mit
Gott, ob sie es weiß oder nicht. Gott hat eingegriffen und in der
Welt und an der Welt gehandelt.
2. Versöhnung heißt nicht: Gott war
in seiner Ehre gekränkt oder in seinem Herrschaftsbereich so
getroffen, dass er zornig wurde und deshalb versöhnt werden musste
oder sich dann wieder versöhnt hat. Gott hat nicht sich mit
der Welt versöhnt, sondern die Welt mit sich versöhnt. Von
Gottes Zorn redet die Schrift zwar oft und darüber ist noch intensiv
nachzudenken. Aber fest steht: Nicht Gott musste versöhnt werden,
sondern die Welt – wir.
Damit entfallen alle Einwände gegen
eine Versöhnungslehre, die besagen: Was ist das für ein kleiner
oder kleinlicher Gott, den man so empfindlich treffen kann,
beleidigen kann und dessen Zorn dann durch Versöhnungsleistungen
gestillt werden muss. Versöhnung als Leistung an Gott – das sagt
Paulus gerade nicht. Ein solcher „kleinlicher“ Gott ist nicht der
Gott der Bibel. Hier sollte man nicht mit falschen
Gottesvorstellungen arbeiten.
Gottes Zorn kann ohnehin nicht durch
Menschen gestillt werden. Gottes Zorn ist eine Realität, aber eine,
mit der nur er selbst klar kommen kann. Doch davon muss ein anderes
mal gehandelt werden.
Bei Paulus ist es eindeutig: Gott wurde
nicht versöhnt, Gott hat versöhnt.
3. Die Welt ist durch Christus
mit Gott versöhnt. An ihm vorbei weiß Paulus nicht von Versöhnung
zu reden. Es ist also nicht so, dass man mit einem allgemeinen
Gottesbegriff argumentieren kann: Gott ist Liebe und als Liebe könne
er nicht dauerhaft zornig sein oder dauerhaft den Menschen ihre
Verfehlungen anrechnen – das ginge nicht, weil es sich nicht mit
der Liebe vertrage. – Dies ist ein Gedankengang, der ohne Christus
auskommt – und der als Voraussetzung eben einen allgemeinen
Gottesbegriff hat. Hier scheint eher ein „Prinzip Liebe“ zugrunde
zu liegen als ein lebendiger Gott.
Paulus kennt die – recht verstandene
– „Allversöhnung“ der Welt, aber die ist zentral verankert in
Christus.
4. Die Versöhnung hat eine Begründung
– signalisiert durch „denn“ in 2Kor 5,21: Christus ist zur
Sünde geworden, hat sich mit ihr geradezu identifiziert (so wie
Paulus im Galaterbrief sagen kann. Christus sei für uns ein Fluch
geworden), und wir werden (verwandelt) zur Gerechtigkeit, die vor
Gott gilt – und zwar „in Christus“. Was Paulus hier schreibt,
hat die Kirche später mit der Formel vom „admirabile
commercium“, vom „wunderbaren Tausch“ bezeichnet. Christus
und wir tauschen die Rollen – er wird zur Sünde, wir zur
Gerechtigkeit.
Dahinter steht die Vorstellung von der
Stellvertretung. Die Rettung kommt von außen, nicht aus uns selbst,
„extra nos“, wie die kirchliche Formel dafür lautet. Dass
ein Stellvertreter nötig ist, zeigt damit zugleich, dass wir
Menschen komplett unzureichend sind, um Versöhnung zu bewirken.
Aus den verschiedenen möglichen
Deutungen des Lebens und Sterbens von Jesus ist hier bei Paulus also
eine bestimmte besonders herausgegriffen und wichtig: die
Stellvertretungs-Christologie. Dass Christus für uns zur Sünde
gemacht wurde (2Kor 5,21), ist nicht denkbar ohne den Zusammenhang
mit dem Tod von Jesus: „Denn als Erstes habe ich euch
weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben
ist für unsre Sünden nach der Schrift.“ (1Kor 15,3). In dieser
Deutung des Todes von Jesus spitzt sich die Versöhnungslehre des 2.
Korintherbriefs zu.
5. Ist die Welt nun also mit Gott
versöhnt? Von Gott aus ja. Aber das Faktum, das Gott geschaffen hat,
ersetzt nicht die Zustimmung der Versöhnten. „So bitten wir nun an
Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5,20) An der
Welt ist etwas geschehen, aber sie muss es nun auch an sich geschehen
lassen. Sonst gleicht sie dem mit dem Fallschirm abgesprungen
Soldaten, der auf einer Pazifikinsel gelandet ist, nicht mitbekam,
das der Krieg zu Ende ging und sich immer noch in Verteidigungsgräben
eingräbt und auf jeden Boten schießt, der vom Feind zu kommen
scheint.
6. Die Welt ist versöhnt, aber auf
einem bestimmten Weg. Zwei Möglichkeiten sehe ich, diese Versöhnung
zu verpassen: entweder ihr nicht zustimmen und mit Gott keinen
Frieden schließen wollen; oder Versöhnung zwar wollen, aber nicht
auf dem Weg des „wunderbaren Tauschs“, sondern an Christus
vorbei.
Damit ist noch längst nicht alles
betrachtet, was Paulus zur Allversöhnung sagt. In einem folgenden
Beitrag muss es um Kolosser 1,20 gehen. Fortsetzung folgt.
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